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Die Stimmen der Blogger aus Israel
Gerade wir als Juden… 
28th-Jun-2010 05:50 pm

Offener Brief an Edith Lutz

Hinter der Trommel her
Trotten die Kälber
Das Fell für die Trommel
Liefern sie selber.

  B. Brecht

 

Sehr geehrte Frau Lutz,

auch wenn Sie mich nicht kennen und meine Ratschläge kaum brauchen, bin ich so frei, mich zu Ihrem kühnen  und mutigen Entschluß zu äußern. In einem Interview dem Deutschlandradio  http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1200433/  haben Sie offenherzig zugegeben, daß die Zustellung bestimmter Güter nach Gasa nicht die Hauptaufgabe des von Ihnen geplanten Blokadedurchbruchs per Schiff sei, denn fast alle diese Güter könnten auf legalen Wegen über Israel an den Mann gebracht werden.

Ihr Anliegen ist es vielmehr, Israelis zu überzeugen, daß: die Gegenwehr mit Waffen nicht der richtige Weg ist. Es müssen Gespräche mit der Hamas, mit der gewählten Regierung geführt werden, und da wollen wir ein ganz kleines Fensterchen öffnen, denn wir sind der Meinung, die Gespräche sind nicht nur notwendig, sie sind auch möglich. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß um Unerreichbares vorzugaukeln, Unbeweisbares zu beweisen etwas ungewöhnliches, erschütterndes vollzogen werden muß. Das fromme Wunschdenken wird  ständig auf der Flucht vor der Wirklichkeit von den Flügeln des Gefühls getragen.

 

Aber auch dies ist nicht das Hauptziel. Es gibt viele Kriege, Leiden und Konflikte auf dieser Welt, für die Sie, bei allem Mitleid, nicht zuständig zu sein scheinen: Grozny und Kosovo, Darfur und Sri Lanka, Sderot und Mumbai... Warum ist Ihre Wahl ausgerechnet auf Gasa gefallen? Die Antwort finden wir in demselben Interview: diese politische Botschaft geht nicht nur an Israel, sie geht sogar primär an die europäischen Staaten. Ich möchte hinzufügen (hoffentlich stimmen Sie mir zu), daß die Botschaft auch an die europäische Gesellschaft gerichtet ist. Das ist für Sie nämlich sehr wichtig, denn in dieser Gesellschaft leben Sie und für diese Gesellschaft ist gerade dieser Konflikt der schrecklichste und gefährlichste der Weltgeschichte.

Selbst wenn die Anzahl der Toten in Kirgisien zehnmal so hoch ist, wenn die Flüchtlinge in Kongo nicht (wie in Gasa) am Übergewicht, sondern am waschechten Hunger leiden, wenn Pakistan und Indien Atombomben besitzen und sie im kommenden Krieg höchstwahrscheinlich einsetzen werden... Das spielt alles keine Rolle. Der schlimmste Konflikt ist eben derjenige, wo Israel beteiligt ist. Warum? Weil Israel per difinitionem "der Böse" sein soll, was Sie, Frau Lutz, keinesfalls bezweifeln dürfen. Sie dürfen nur winseln, flehend in die Augen schauen und sich von den unmenschlichen Zionisten distanzieren, soweit es nicht gelingt, sie klein bißchen menschlicher zu machen.

Sie dürfen nichts bezweifeln, woran die guten Europäer so sicher glauben, denn Sie sind ja eine von ihnen, sie haben alle Rechte, sie gehören dazu, wie Ihnen die Menschenfreunde immerfort äußerst politcorrekt versichern. Selbstverständlich haben die Freunde auch das Recht zu kritisieren, wie es eben unter Freunden üblich ist. Keiner kann leugnen, daß errare humanum est, auf die Fehler darf wohl hingewiesen werden - das sagen sie, möglicherweise glauben sie es selbst. Ich meine gar nicht, daß wir immer und überall nur Gutes und Richtiges getan haben (oder im Moment nur Gutes und Richtiges tun), aber beim aufmerksamen Hinschauen entdecken wir etwas sehr Merkwürdiges, was Sie, Frau Lutz, natürlich unter keinen Umständen merken dürfen.

Nein, ich meine nicht die schlichte Ungerechtigkeit: Israel wird mit einem ganz anderen Maßstab gemessen, als alle übrigen Länder der Welt. Viel schlimmer: uns wird nicht einmal das zur Last gelegt, was wir angeblich falsch gemacht, sondern das, was wir gar nicht gemacht haben, aber entsprechend den Vorstellungen der Ankläger gemacht haben sollten.

Wissen Sie noch – der ganze Zirkus um den Jungmartyrer Mohammed Al-Durra... Sein Erfinder, Charles Enderlin, im Gerichtsverfahren schließlich gezwungen zuzugeben, daß er seine Version der Ereignisse nicht beweisen kann, erklärte: Selbst wenn es diesen Vorfall gar nicht gegeben hat, gab es viele andere, die sich zwar ebenfalls nicht dokumentieren lassen, mußten aber unbedingt gewesen sein, denn so sind sie nun mal, die Israelis, das Kindertöten gehört halt zu ihrem Wesen. Wofür er unverzüglich mit Légion d'honneur ausgezeichnet wurde. Glauben Sie denn wirklich, daß eine Verhaltensänderung seitens Israel (sei es zum Guten oder gar zum Bösen) an dieser Einstellung etwas ändern könnte? Wenn ja, soll Ihr Weltbild außerordentlich realitätsresistent sein.

Selbstverständlich bedeuten die von Israel zu erpressenden "Zugeständnisse" einen glatten Selbstmord. Viel schlimmer ist aber, daß das eigentliche Ziel Ihrer guten Freunde nicht mal durch diesen Selbstmord erreicht werden kann. Eine mittelalterliche "Hexe" kann sich meinetwegen freiwillig verbrennen, das angeblich von ihrer Hexerei verursachte Gewitter wird dadurch nicht abgewandt, deswegen... wird die nächste "Hexe" ausfindig gemacht und erfolgreich verbrannt.

Die brenzlige Situation im Nahen Osten ist durch eine ganze Reihe von Faktoren verursacht. U.a. durch die Grenzen, die einst nicht von der Ortsbevölkerung, sondern von Kolonialmächten gezogen worden sind, durch die mit starken Rivalitäten begleiteten Umwandlungen in der arabischen Gesellschaft, durch die Brenn- und Rohstoffpreise... Die Existenz/Nichexistenz Israels ändert nicht viel an dieser Sache, aber sie ist das Einzige, was die Europäer in ihren diplomatischen Spielen gut gebrauchen können. Sie wollen nämlich den werdenden Weltherrschern zu Willen sein, ohne dabei das Image von weisen, gerechten und einflußreichen zu verlieren. Auf dieselbe Weise wird heute z. B. der Tribut, den sie an Terroristen zahlen, als „Armenhilfe“ getarnt.

Selbstverständlich beschert ihnen die Vernichtung Israels keinen Frieden, sondern Krieg, sehr wohl auch Niederlage und Versklavung. Aus der 2000-jährigen Erfahrung wissen wir: in solchen Fällen wird sofort nach einem neuen „Schuldigen“ gesucht.

Haben Sie etwa vergessen, daß Sie für diese Rolle seit eh und je vorbestimmt sind?

Aber bitte, bitte, beteuern Sie nicht, daß Sie nie im Leben so was gemacht... es ist kein Problem, auch für Sie einen Al-Durra anzufertigen. Versuchen Sie nicht zu erklären, daß Ihre Ansichten keinesfalls... denn niemand interessiert sich für Ihre Ansichten. Beweisen Sie nicht, daß Sie beim besten Willen weder Krieg noch Frieden in der großen weiten Welt verursachen können, keiner wird es glauben. Die lieben Nachbarn nennen uns gerne Untermenschen, was sie mitnichte daran hindert, Übermenschliches von uns zu erwarten. Weder die aufrichtigste Distanzierung vom Israel noch die aktivste Beteiligung an seiner Vernichtung kann Ihnen helfen, denn mit oder ohne Israel (wie es eben die letzten 2000 Jahre der Fall war) bleiben wir immer an allem Schuld.

Es gibt unter uns unterschiedliche Menschen, die sehr verschiedene Gedanken denken und Taten vollbringen (oder auch verüben), aber das spielt eben keine Rolle. In demselben Ofen wurden irgendein stalinistischer Massenmörder, Menschenfreund Janusz Korczak und liebes Fräulein Anne Frank verbrannt. Der Verbrecher wird nicht vors Gericht gestellt, der Humanist nicht belohnt, das Mädchen nicht verschont.

Wieso hoffen Sie denn, daß für Sie eine Ausnahme gemacht wird? Und monsieurmonsieur monsieur monsieur  Charles Enderlin... hat er etwa vergessen, daß Légion d'honneur in Drancy http://de.wikipedia.org/wiki/Sammellager_Drancy nicht gerade vom großen Nutzen war?

...Aber ja, aber selbstverständlich, es war ja HOLOCAUST, das Unbegreifliche, das Einmalige, das nie wiederkehrt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Alle wehren fleißig den Anfängen und jeder Judenfresser ist bereit einen jeden zu verklagen, der ihn Antisemiten zu nennen wagt. Herr Koffi Anan verkündete im Klartext, daß die Entstehung der UNO, an deren Spitze er damals gerade stand, durch Holocaust mitverursacht worden ist, und versprach, kein neues Auschwitz zuzulassen (offensichtlich zwecks Verhinderung einer   neuen UNO, mit der man sonst Bestechungsgelder Saddam Husseins teilen müßte).

Das Wort Holocaust ist heute zum Schwammwort geworden, mit dem alles Mögliche und Unmögliche bezeichnet wird – von der palästinensischen „Nakba“ bis zum Hühnererstechen für den Supermarkt. Es ist nicht fair von den Juden, einen so gelungenen Brand für sich allein zu behalten. Schon längst sollten sie aufhören, den Holocaust als einmalig in der Geschichte darzustellen, geschweige denn zur Existenzberechtigung Israels zu mißbrauchen. Statt den anderen schlechtes Gewissen zu machen, sollten sie aus der Geschichte lernen und mehr Mitleid und Hilfsbereitschaft für die Armen und Unterdrückten an den Tag legen.  Es wäre eigentlich an der Zeit...

Jawohl, und zwar schon lange!

Es wäre an der Zeit laut zu sagen, daß Holocaust keinesfalls als Existenzberechtigung Israels gebraucht werden darf, denn sonst erweist sich die Existenz von Deutschland, Amerika, Russland oder China als schlechthin unberechtigt. Um den so heißbegehrten palästinensischen Staat existenzberechtigt zu machen, sollten wir dann  mindestens ein Drittel aller Palästinenser niedermetzeln. Geschweige denn, daß der Holocaust erst 50 - 100 Jahre nach den großen Wellen der jüdischen "Alia", den Anfängen des zukünftigen Staates Israel, geschehen ist.

Die berühmte UNO-Resolution 181 kann lediglich als Bestätigung gelten, an und für sich konnte sie keine Bevölkerung auf ein bestimmtes Territorium herbeizaubern, noch Verwaltungsstruktur oder Volkswirtschaft erschaffen. Die Existenzberechtigung des Staates Israel ist nur und ausschließlich die Tatsache seiner Existenz, genauso wie es z.B. mit Frankreich der Fall ist.

Es wäre an der Zeit laut zu sagen, daß die Einmaligkeit des Holocaustes etwas übertrieben worden ist. Selbst wenn wir diesen Völkermord als den totalsten und konsequentesten des 20. Jahrhunderts betrachten, bleibt er lediglich primus inter paris. Noch weniger einmalig erweist er sich aber im Rahmen der jüdischen Geschichte. Das letzte, das (bis heute)  schwerste, aber nicht unbedingt das allerletzte Glied einer langen Kette der historischen Ereignisse mit leicht erkennbarer innerer Logik: Die Nichtjuden, unter welchen wir leben, sind mit einem schwierigen Problem konfrontiert, wofür sie keine Lösung haben. Es kann eine Seuche, eine Wirtschaftkriese, eine Niederlage im Krieg sein... soweit sie keinen Ausweg finden, suchen sie sofort nach dem vertrauten Sündenbock.

Was die Juden in Wirklichkeit sagen, denken oder tun, interessiert sie nicht, also bleiben alle Versuche, sie durchs Verhaltensändern zu beschwichtigen, immer erfolglos. Nicht unser Verhalten ist die Ursache, sondern ihre Probleme, die wir genausowenig lösen können, wie sie selbst.

Jawohl, es wäre an der Zeit endlich aus der Geschichte zu lernen. Aus der Erfahrung anno 33, als die Judengemeinden Deutschlands keine Zweifel hatten: ihre Ehre ist ihre Treue zum Vaterland. Oder der Juden Ungarns, die, einem gewissen Herrn Eichmann ganze 8 Klaviere präsentierten, in der Hoffnung, ihn zu besänftigen... Oder "Sowjetbürger jüdischer Nationalität", die so vertrauensvoll zu Genossen Stalin hinaufschauten… Aus der Tragödie des gesetzestreuen jüdischen Gutmenschen, der seiner Bürgerrechte in der modernen humanistischen Gesellschaft bis zur Gaskammer sicher blieb.

...Aber ja, aber nein, aber selbstverständlich sind nicht alle Nichtjuden Antisemiten. Es gibt auch andere, aber… nicht in Ihrem Freundeskreis, denn jedem unvorangenommenen  Beobachter muß die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die uns geschieht, direkt in die Augen springen. In diesem Kreis fehlen auch andere Nichtjuden, die, selbst ohne von antisemitischen Vorurteilen frei zu sein, begreifen: Psychotherapeutische „Schuldigensuche“ kann den Westen nicht retten, die Bedrohung sitzt nicht im Unterbewußtsein, sie ist greifbare Wirklichkeit. Diese Leute betrachten Israel als einen natürlichen Verbündeten und sind bereit, ihm (zumindest zeitweilig) seine jüdische Herkunft zu verzeihen. Um ihrer eigenen Interessen willen wollen sie, daß  Israel lebt. Ihre Freunde hingegen glauben, daß nur sein Untergang ihren Interessen diene.

Glauben Sie es auch?  

 

Mit freundlichen Grüßen

Ella Greifer, Tel Aviv

 

Die Stellungnahme von Frau Lutz im Wortlaut: 
 
 
LIebe Ella Greifer, die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich habe nicht verstanden, was Sie mit dieser Frage meinen. Da Ihr Text ansonsten mehr Urteile und Vorurteile als Fragen enthält, sehe ich mich nicht veranlasst, näher drauf einzugehen. Ein echtes, faires Gespräch sieht anders aus.
Liebe Grüße,
Edith Lutz
 
Mit anderen Worten: mein Name ist Hase und ich kenne nur Bahnhof!

 

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